Viehscheid

In wenigen Tagen ist es wieder so weit und Oberstdorf begeht den traditionellen Viehscheid am 13. September. Der Tag, wenn das Jungvieh, das den ganzen Sommer auf den Alpen ringsum Oberstdorf verbracht hat, zurück ins Tal kommt und die Allgäuer Bergregion sich langsam auch auf die kommende Ruhephase vorbereitet. Der Viehscheid wird in Oberstdorf – und in zahlreichen anderen Allgäuer Orten – als traditionelles Fest begangen, mit vielen Schaulustigen und Blasmusik und natürlich mit Bier.

Auch für uns im Stillachtal ist das immer ein ganz besonderer Tag. Schon frühmorgens, wenn die Nebel über den Wiesen den neuen Tag ankündigen, lauschen wir gespannt wann wir die ersten Zugschellen aus dem Rappenalptal kommend, hören. Und wenn wir es gar nicht erwarten können, fahren wir mit dem Rad ein Stück ins Tal hinein. Frühmorgens hier im Stillachtal spürt man noch nichts von der Geschäftigkeit und dem Trubel den dieser Tag später am Scheidplatz bringen wird. Frühmorgens, erlebt man die Verbindung, die Mensch und Tier über einen langen Sommer hinweg eingegangen sind. Wenn die Herde durch das Stillachtal zieht, begleitet von einer Dampfwolke und begleitet von den Hirten und Alphelfern. Wenn die Schellen widerhallen im Tal und im Mensch alles still wird. Wenn wir spüren, das Vieh hat sich gesättigt am Alpsommer und kehrt nun zurück in die Ställe.


Wenn man aber auch die eigene Wehmut spürt, denn diesen Tag verbinden wir unweigerlich mit Abschied. Es ist ein Abschied von den kraftvollen, wärmenden Sommertagen und ein Abschied vom satten Grün. Und es erinnert in mir immer der zahlreichen Abschiede, die einem im Leben schon begegnet sind, es erinnert tief drinnen auch an die, die diesen Scheid nicht mehr erleben. Morgens den Viehscheid im Stillachtal zu erleben, in der Ursprünglichkeit und der Kraft, die dieser Tag birgt, empfinde ich als großes Geschenk.


Wenn die Alpen aus dem Tal – Rappenalpe, Alpe Taufersberg, Biberalpe, Alpe Haldenwang – nacheinander vorbei gezogen sind um festlich und stolz auf dem Scheidplatz einzulaufen, entsteht eine wieder ganz einzigartige Ruhe, ja fast Stille im Stillachtal. Eine Stille, die berührt und versöhnt mit dem Abschied. Eine Stille die durchdringend ist nach dem eindrücklichen Klang der hunderten von Schellen.


Und in der Stille ist dann auch Raum für Dankbarkeit. Es ist für uns hier im südlichsten Allgäu selbstverständlich dass unsere Weiden gepflegt sind und dass das liebe Vieh präsent ist. Nicht nur zur Freude der vielen Gäste und Besucher, die hierher kommen um wieder Kraft zu schöpfen, sondern auch zu unserer eigenen Freude. Was es bedeutet Alpwirtschaft aufrecht zu erhalten, ahnen aber wohl die wenigsten. Wieviel Tatkraft und ebenso viel Idealismus in dieser Arbeit stecken, mögen nur die beurteilen, dies es von Herzen gerne tun. Und all diesen Menschen, Hirten, Helfern gebührt unser Dank an diesem Tag. Denn sie kümmern sich nicht nur für diese Sommerwochen um das Vieh auf der Alpe, sondern sie pflegen diese einmalige Landschaft, die für viele Menschen immer mehr zur Kraftquelle wird.
Also, wenn Sie demnächst einen Viehscheid in Oberstdorf oder anderswo besuchen halten Sie zwischen Bier und Bratwurst und dröhnender Musik einmal einen Moment inne, und richten Sie ein kleines Dankeschön, an die, die maßgeblich beteiligt sind – meist auf ganz leise Art und Weise – am Erhalt des Wertvollsten was wir haben – unsere einzigartige Natur! Und dann nehmen Sie darauf ganz bewusst einen Schluck aus der Maß ….

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